Mein persönliches WM‑Sommermärchen 2006 Reloaded 2026 begann an einem dieser warmen, eigentlich schon unerträglich heißen Juniabende, an denen man sich selbst dabei ertappt, wie man mit einer gewissen Sehnsucht an klimatisierte Orte denkt, und so kam mir die Idee, mit meinem guten Kumpel essen zu gehen, am besten irgendwo, wo die Hitze nicht wie ein nasser Lappen im Gesicht hängt. Da fiel mir das Restaurant Zum Dicken Fritz in Bornheim ein (Mainkurstraße 6, 60385 Frankfurt), ein Lokal, an dem wir schon unzählige Male vorbeigelaufen waren, ohne je hineinzuschauen. Schon oft dran vorbeigelaufen, aber nie reingegangen. So ein Sommerabend mit guter deutscher Frankfurter Küche wäre doch was.
WM‑Sommermärchen 2006 Reloaded 2026 – Die Fahrt von Wiesbaden nach Frankfurt
18:30 Uhr abends als die stechende Sonne sich langsam senkte und die Hitze zwar nicht wirklich nachließ, aber zumindest so tat, als würde sie sich ein wenig zurückziehen, freute ich mich sogar auf die S‑Bahn. Wenn sie fährt und die Klimaanlage funktioniert, ist sie eine Art rollende Wellnessoase. Und siehe da: Die S‑Bahn in Wiesbaden war pünktlich, die Fahrt nach Frankfurt Bornheim war angenehm und leer, vermutlich weil die meisten Menschen noch in irgendeinem überfüllten Freibad versuchten, die Hitze mit chlorhaltigem Wasser zu bekämpfen.
Frankfurter Küche – Ein Kapitel im Sommermärchen Reloaded
Mein Freund, Lesos, wartete bereits. Das Restaurant hatte keine Plätze im Freien, aber war innen überraschend kühl. Es liegt wohl an der Dämmung aus der Vergangenheit, die heutige Gebäude irgendwie trotz Technik nicht hinkriegen. Nicht nur das Haus war aus einer vergangenen Zeit, sondern auch der Besitzer, ein etwa 80‑jähriger, erstaunlich fitter, freundlicher Mann, der gleichzeitig Koch war, begrüßte uns so herzlich, dass wir uns sofort wohlfühlten.
Wir bestellten Schnitzel mit grüner Soße, hervorragende Bratkartoffeln, frischen Salat und ein kühles Bier. Der Besitzer war so nett und ließ einen Ventilator leicht im Hintergrund laufen. Der Fernseher lief auch, in der Hoffnung, dass Fußball kommt – war an, aber das Spiel Portugal–Kolumbien war erst gegen 1:30 Mitteleuropäischer Zeit angesetzt. Es lief also wie immer einer der unzähligen deutschen Krimis. Das Essen war toll und wir bedankten uns beim Besitzer für die Gastfreundschaft, solche urigen Restaurants sollten öfter auf dem Speiseplan stehen.
Berger Straße – No Cocktails
Danach wollten wir den Abend mit einem Cocktail ausklingen lassen, am besten draußen. Die Berger Straße schien dafür ideal, doch nach einer halben Stunde Suche gaben wir auf: Entweder war es zu voll oder es gab keine Cocktails nach unserem Geschmack. Lesos schlug vor, kurz bei ihm zu Hause eine Pause einzulegen – das Schnitzel hatte seinen Magen etwas durcheinandergebracht und er konnte daher nicht mehr weiterziehen.
Destination Home wird Destination Alt-Sachsenhausen
23:30 Uhr ist eine gute Zeit, mit der S‑Bahn Richtung Wiesbaden zu fahren. Wenn alles gut läuft, bin ich kurz nach 1 Uhr zu Hause. Also verabschiedete ich mich und wartete am Frankfurter Bahnhof auf meine S‑Bahn nach Wiesbaden, 0:20 Abfahrt. Während ich dort stand, schrieb mir Nira, dass sie gerade vom Toten‑Hosen‑Konzert kam. Ich antwortete im WhatsApp‑Ticker‑Stil, dass ich ebenfalls in Frankfurt sei und auf die Bahn zurück nach Wiesbaden warte.
Zack klingelte mein Handy. Maro, Niras Freund, war dran. Beide machten mir schnell klar: Ein so warmer Abend nach einem so tollen Konzert darf nicht einfach so enden. Wenn ich ohnehin in Frankfurt bin, soll ich nach Frankfurt Süd kommen, da die beiden gerade auf dem Weg dorthin sind. Wie bestellt fuhr genau in diesem Moment auf dem gegenüberliegenden Gleis die Bahn nach Frankfurt Süd ein. Schnell wurde Destination Wiesbaden mit Destination Frankfurt Süd getauscht.
Döner‑Pilgerweg & WM‑Vibes
In der S‑Bahn sah ich eine Gruppe gut gelaunter Kolumbianer, die sich eine Art Schaumwein teilten und vermutlich altersentsprechende Witze machten, während sie sich auf das Spiel gegen Portugal vorbereiteten. Sie waren so nett und haben mir ihren Schaumwein angeboten. Ich sagte: „Nein danke, trinkt ihr mal, mir ist das zu süß.“ Wir stiegen gemeinsam aus. Mir war klar: Die wollten nach Alt‑Sachsenhausen.
0:30 Uhr: Maro und Nira kamen wie verabredet mir entgegen und wir haben uns erstmal herzlich begrüßt. Sie hatten einen Philip im Schlepptau, der sich im Konzertgetümmel verlaufen hatte und eigentlich aus Köln stammt.
Während wir überlegten, in welche Richtung wir gehen, kam eine nicht mehr ganz nüchterne JGA‑Gruppe aus Saarbrücken vorbei, die meinte: „Wir haben gehört, es gibt hier in der Gegend viele Dönerläden.“ Das war eine Art Einladung für Maro, der in Sachsenhausen wohnt, alle Läden in der Gegend aufzuzählen. Im Prinzip müssen wir aber noch 1 km laufen, um die Straße des Essens, des Party‑, des Nightlife – kurz Alt‑Sachsenhausen, wie man es kennt – zu erreichen. Nira war zwar müde, aber mit vereinten Kräften und einem Machtwort von Maro ließ sie sich überzeugen, noch ein wenig mit uns weiterzuziehen.
Auf dem Weg unterhielten wir uns weiter über die Besonderheiten des Döners. Ich glaube, der Hunger der JGA‑Gruppe ließ sie so sehr von Essen träumen, dass man es erstmal intensiv besprechen musste. Aber der Weg war einfach zu lang, und ein typischer Mr‑Khan‑Kiosk kam uns allen dazwischen: Zigaretten‑ und Bierpause trotz Hungers.
Schließlich, nach der Pause beim Khan‑Kiosk, setzten wir unseren Lauf zu den Dönerbuden fort. Jeder Schritt in Richtung Alt‑Sachsenhausen machte klar: Wir nähern uns unserem Ziel. Es wurde zunehmend belebter — mehr Licht, mehr Leute, mehr Geräusche, mehr Döner. Die ersten Läden tauchten auf, und die Gruppe aus Saarbrücken war so ausgehungert, dass sie einfach irgendetwas bestellte, Hauptsache Essen.
2006 vs. 2026 – Zeitreise im Sommermärchen
Ich sah mich um in diesem Getümmel und war erstaunt. Ich fühlte mich plötzlich 20 Jahre zurückversetzt. Es hatte sich prinzipiell nichts verändert: dieselben Döner‑, Falafel‑ und Pizzaläden, dieselben Kioske, dieselben Kneipen und Bars, so voll, dass die Straßen kaum für Autos befahrbar sind. Aber das war vor 20 Jahren nicht anders. Dieselben Menschen: hübsche junge Frauen, viele gestylte Männer, aber auch älteres Klientel, das diesen Abend hier verbringt.
In diesem Moment fühlte ich mich wirklich zurückversetzt — 2006 oder 2026, warme Fußballnacht, gleiche Straßen, gleiche Geräusche, gleiche Energie. Nur lagen 20 Jahre dazwischen. Während meiner Beobachtungen und nostalgischen Gedanken sind wir gemütlich durch die Menge gelaufen. Nira schlug vor, zum Irish Pub zu gehen. Maro und ich folgten. Philip ging leider verloren, die JGA‑Gruppe konnte nicht mehr mithalten und beendete ihren Junggesellenabschied mit vollem Bauch.
Vor dem Irish Pub sahen wir nur Menschen, keine Eingänge, keine freien Plätze. Es war einfach zu voll. Also standen wir da und blickten herum, und dann leerte sich zum Glück ein Tisch in der gegenüberliegenden Bar namens HOT. Ich stand einfach strategisch gut und setzte mich sofort. Der Tisch war unser. In der Wärme der Nacht, in der Stimmung, mit dem Trubel um dich herum, war es herrlich, ein Tisch zu ergattern und etwas Kaltes trinken zu können. Zudem bestellten wir bei Nesos, einem sehr netten griechischen Kellner.
WM‑Spiel Kolumbien–Portugal – Sommermärchen‑Moment
Ich nahm einen Mojito, Tagesangebot, und während ich bestellte, fragte ein junger Kolumbianer namens Santos, ob die Bank noch frei sei, worauf Maro mit dieser typisch trockenen Frankfurter Art meinte: „Nein, da kommen gleich noch Leute.“ Das brachte Santos zunächst völlig aus dem Konzept, denn er brauchte ein paar Sekunden, um zu verstehen, dass es ein Witz war. Und genau in dem Moment, in dem der Groschen fiel, kletterten plötzlich sieben junge Menschen – vier Frauen, drei Männer – mit einer Selbstverständlichkeit über die Bank, und plötzlich saßen sie alle bei uns.
Die Stimmung änderte sich schlagartig. Wir hatten eine Art Enklave im Trubel, waren aber gleichzeitig Teil der gesamten Atmosphäre. Hinter uns hing ein Großbild‑TV, den ich bis dahin gar nicht bemerkt hatte – um 1:30 Uhr begann das Spiel Kolumbien gegen Portugal.
Nira verabschiedete sich endgültig. Maro und ich blieben. Die jungen Leute waren unkompliziert, freundlich, vielleicht war es der südamerikanische Vibe, vielleicht einfach die Nacht. Englisch wurde schnell zur gemeinsamen Sprache. Die Gruppe bestand aus Kolumbien, Mexiko, Ecuador und Kanada. Maro, Döner‑Experte und Spanisch‑Kenner, fragte die Ecuadorianerin Elena dreimal, woher sie komme. Beim dritten Mal meinte sie: „Ich habe das Gefühl, ihr Männer hört mir nicht zu.“
Ich konnte es ihm nicht übelnehmen – vielleicht hatte ihr Aussehen seine Hörfähigkeit etwas beeinträchtigt.
Mojito, Tequila und Dönerbox
Santos und ich verstanden uns sofort – irgendeine spirituell‑indisch‑inka‑artige Verbindung schien uns zu verbinden. Und der Kanadier Kian gewann unsere Herzen mit dem Satz:
„Frankfurt is the most underrated city in the world. – That’s true, man.“
Dann kam der nette Kellner. Ich lud die jungen Leute auf das erste Getränk ein. Getränke kamen, wir haben angestoßen und alle haben sich gefreut und bedankt. Am Anfang des Spiels hatte Kolumbien ein paar gute Szenen, so war man gewollt oder ungewollt jetzt natürlich auch Kolumbianer. Im Gegenzug lud Santos – wie sollte es anders sein – zu Tequila ein. Das Spiel blieb zwar torlos, Kolumbien kam weiter, aber die Stimmung war, als hätten sie gerade 4:3 gewonnen.
3:00 Uhr: Das Spiel endete. So langsam leerte sich die Gegend. Maro war müde. Elena sah mich an und sagte: „Hari, let’s get a Döner.“ Was eher klang wie: Hol mir einen Döner und komm gefälligst mit.
Als Herr der alten Schule lasse ich ein junges Mädchen natürlich nicht im Stich, also tippte ich Maro an und sagte, ich sei gleich zurück. Seine Augen sagten sehr deutlich: Echt jetzt? Es ist nicht wahr, dass Hari jetzt mit zwei jungen Frauen weggehen würde, die zusammen ungefähr so alt waren wie er selbst.
Elena und Lina führten mich zu einem neuen Dönerladen. Sie wussten genau, was man bestellen musste. Wir unterhielten uns darüber, wo sie wohnten und ob sie sicher nach Hause kämen. Eine herzliche Verabschiedung: „We will meet again.“
Abschied / Heimfahrt
Ich holte für Maro und mich eine Dönerbox – Alkohol darf nicht allein sein im Magen. Auf dem Rückweg sah ich die Kolumbianer aus der S‑Bahn wieder, diesmal mit Cervezas statt Schaumwein und natürlich feiernd. Wir verabschiedeten uns gegenseitig. Auch der Kellner Nesos, meinte, solche Gäste habe er gern, wir sollten wiederkommen.
4:00 Uhr machten Maro und ich uns auf den Heimweg. Ich begleitete ihn nach Hause und ließ den wirklich lustigen Abend Revue passieren – toller Abend, tolle Leute, tolle Zeit. Ich stieg in die gähnend leere S‑Bahn und atmete erstmal durch. Es war kurz nach fünf. Plötzlich setzte sich eine angetrunkene, leicht bekleidete, tätowierte Dame mittleren Alters genau neben mich – obwohl die gesamte Bahn leer war! Ich dachte nur: „Okay!“
Zwei Stationen später, an der Taunusanlage, stieg ich aus.
Sie fragte: „Steigst du jetzt schon aus?“
Ich sagte: „Ja, glaub mir, es war ein langer Tag ich geh mal nach Hause.“
Morgendämmerung in Wiesbaden – Sommermärchen Reloaded
6:30 Uhr morgens kam ich in Wiesbaden an. Zwölf Stunden vorher bin ich in der Abenddämmerung losgefahren und komme jetzt in der Morgendämmerung an. Die Nacht verabschiedete sich, der neue Tag begann. Das WM‑Sommermärchen 2006 ist 20 Jahre her – und ein kleines, persönliches Sommer‑Fußball‑Märchen 2026 ereignete sich heute. Der Unterschied ist nur: Damals wurde Italien Weltmeister, diesmal ist es Spanien geworden. Die lustige Stimmung in Mainhattan war nicht weniger als in Manhattan, wo in der Nähe das Fußball‑Endspiel 2026 stattfand.

