Krieg und Frieden II – Die neue Unruhe



Die neue Unruhe

Heute erleben wir eine Welt, in der sich die Ereignisse schneller entwickeln, als man sie einordnen kann. Zudem stehen wir nicht mehr vor einem einzelnen Konflikt, sondern vor zwei großen Kriegen, in denen zwei Weltmächte die Hauptakteure sind. Darüber hinaus zeigt sich, dass Krieg und Frieden keine Gegensätze sind, sondern zwei Zustände derselben Welt. Infolgedessen dreht sich die globale Medaille unaufhörlich weiter. Aus diesem Grund stellt sich die Frage, wo der durchschnittliche Mensch in diesem Spiel steht und was diese Medaille für ihn bedeutet.

Der Krieg in der Ukraine, der Konflikt im Nahen Osten und die Spannungen im Indopazifik sind keine isolierten Ereignisse. Außerdem sind sie Symptome einer Weltordnung, die nicht mehr so existiert, wie wir sie kannten. Daher kippt Geschichte selten in einem einzigen Moment, sondern wenn viele kleine Schritte nicht mehr rückgängig zu machen sind. Schließlich überlagern sich Gewohnheiten, Illusionen und politische Routinen so lange, bis die Realität sie einholt.

Krieg und Frieden neu gelesen

Ray Dalio beschreibt, dass alle Imperien denselben Mustern von Aufstieg und Niedergang folgen. Zudem leben wir genau in diesem Zwischenraum. Darüber hinaus wirken die USA spätzyklisch, China tritt als neuer Akteur auf, Russland befindet sich im Niedergang, Indien ist im Aufstieg, Europa bleibt fragmentiert, und der Iran verfolgt ehrgeizige Ziele. Infolgedessen entsteht eine Übergangsphase, die Dalio als chaotisch, gefährlich und unvermeidlich bezeichnet. Aus diesem Grund ist die neue Unruhe kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Welt, die ihre Ordnung verliert.

Die neue Unruhe ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Welt, die ihre Ordnung verliert und ihre Machtzentren neu sortiert. Außerdem zeigt der Iran‑Israel‑Konflikt, dass regionale Kriege oft Symptome globaler Machtverschiebungen sind. Daher erinnert die Gegenwart an die Zeit nach 1918, die Prit Buttar als ein Geflecht aus Nationalismus, Rache, Machtvakuum und lokalen Kriegen beschreibt. Schließlich erleben wir heute etwas Ähnliches – nur in Echtzeit.

Moral und Gerechtigkeit unter Druck

Spieltheoretisch betrachtet befinden wir uns nicht mehr in einem System mit zwei Spielern, sondern in einem Geflecht aus vielen Akteuren, deren Züge sich gegenseitig beeinflussen. Zudem gleicht die Gegenwart keinem Schachbrett mehr, sondern zehn Schachpartien, die gleichzeitig laufen. Darüber hinaus wird jedes Signal an einen Akteur von allen anderen mitgelesen. Infolgedessen entstehen Eskalationen aus Missverständnissen. Aus diesem Grund würde Tolstoi sagen, dass Geschichte nicht von großen Männern gemacht wird, sondern von unzähligen kleinen Entscheidungen.

Die Welt ist nicht gefährlich, weil sie böse ist, sondern weil sie überfüllt ist mit Akteuren, die sich gegenseitig falsch lesen. Außerdem zeigt Buttar, wie nach 1918 Armeen zerfielen, Milizen entstanden und Grenzen verschwammen. Daher entsteht bei zerfallender Ordnung kein Frieden, sondern ein Vakuum. Schließlich ist Vakuum der natürliche Feind der Stabilität.

Philosophisch betrachtet erleben wir eine Rückkehr zu alten Grundfragen. Zudem glaubte Kant an Frieden durch Recht, Verträge und Vernunft. Darüber hinaus beschreibt Hobbes eine Welt, in der Sicherheit immer zuerst kommt. Infolgedessen handeln Staaten nicht aus Moral, sondern aus Angst. Aus diesem Grund ersetzt Abschreckung Vertrauen, Sicherheit ersetzt Werte, und Macht ersetzt Argumente.

Angst ersetzt heute Moral, weil Sicherheit zur neuen Religion geworden ist – und jeder glaubt, sie verteidigen zu müssen.

Die Logik von Eskalation und Prävention

Krieg ist heute kein Schlachtfeld mehr, das man betreten oder verlassen kann. Zudem ist er ein Geflecht aus Drohnenschwärmen, Cyberangriffen, Störungen von Navigationssystemen, künstlicher Intelligenz, Milizen, Propaganda und Informationskriegen. Darüber hinaus haben sich die Schlachtfelder vervielfacht. Infolgedessen verläuft die Front nicht mehr nur zwischen Armeen, sondern zwischen Netzwerken, Datenströmen, Stromleitungen, Satelliten und Infrastrukturen. Aus diesem Grund spüren Menschen in Wohlstandsländern eine neue Angst.

Viele haben sich an eine historisch unnatürlich stabile Welt gewöhnt. Zudem bröckelt diese Illusion nun. Darüber hinaus war Wohlstand politisch erzwungen, militärisch abgesichert und geografisch begünstigt. Infolgedessen wanken diese Säulen. Aus diesem Grund sieht der durchschnittliche Bürger steigende Preise, unsichere Lieferketten, geopolitische Spannungen und brennende Tanker – und spürt, dass sein Leben davon abhängt.

Geografie spielt dabei eine größere Rolle, als viele wahrhaben wollen. Zudem wusste Caesar, dass Jahreszeiten und Topographie Feldzüge entscheiden. Darüber hinaus zeigt Buttar, wie Flüsse, Sümpfe und Ebenen die Ostfront prägten. Infolgedessen bestätigt die Gegenwart diese Mechanik. Aus diesem Grund bleibt die Ukraine schwer einnehmbar, der Iran ein Hochplateau und die Straße von Hormus ein globales Nadelöhr.

Der Niedergang beginnt nicht mit dem Fall einer Hauptstadt. Zudem beginnt er, wenn eine Gesellschaft ihre Energie nicht mehr in die Zukunft investiert, sondern in das Überleben der Gegenwart. Darüber hinaus schrumpft der Zeithorizont bedrohter Staaten. Infolgedessen denken sie nicht mehr in Jahrzehnten, sondern in Monaten. Aus diesem Grund führt geopolitische Überlastung zu Wohlstandsverlust.

Während Russland und die USA offen in Konflikte verwickelt sind, wirken China und Indien erstaunlich ruhig. Zudem beobachten beide die Lage mit strategischer Geduld. Darüber hinaus denken China in Jahrhunderten und Indien in Zivilisationsräumen. Infolgedessen nutzen große Mächte die Fehler anderer. Aus diesem Grund ist ihre Stille keine Schwäche, sondern Macht.

Wenn man diese alten Texte intensiv liest, erkennt man, dass sich vieles wiederholt. Zudem fehlt dem durchschnittlichen Menschen die Lösung, ein Weg hinaus, eine Zukunft, die für alle schön ist. Schließlich bleibt der Wunsch, dass die Medaille sich irgendwann wieder auf die richtige Seite dreht – Frieden.

Weiterführende Quellen:


Prit Buttar – Retribution: The Soviet Reconquest of Western Ukraine, 1943–44
Osprey Publishing, 2019 · ISBN 978‑1‑4728‑3532‑1 · Softcover, 472 Seiten


Ray Dalio – Weltordnung im Wandel: Wie Nationen Aufstieg und Niedergang erleben
FinanzBuch Verlag, 2022 · ISBN 978‑3‑95972‑407‑4

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