Krieg und Frieden III – Die Wiederentdeckung der nuklearen Abschreckung

1. Der Moment, der bleibt: Meine Begegnung mit Joseph Rotblat im Sommer 2001

Es gibt Begegnungen, die bleiben, auch wenn man kein Zeitzeuge der Epoche ist, über die gesprochen wird, und auch wenn man selbst nie ein Labor betreten hat, in dem die Grundgleichungen der Kernphysik an der Tafel stehen, und auch wenn man nicht zu jener Generation gehört, die den Zweiten Weltkrieg oder die frühen Jahre des Kalten Krieges erlebt hat. Ich habe Joseph Rotblat im Sommer 2001 in Oxford getroffen, wenige Wochen bevor die Welt am 11. September in ein neues Zeitalter stürzen sollte. Und obwohl ich weder Atomwissenschaftler bin noch die frühen Jahre des nuklearen Zeitalters selbst erlebt habe, klangen seine Worte so eindringlich, dass sie sich in mein Gedächtnis eingebrannt haben wie eine Warnung, die größer war als der Moment, in dem sie ausgesprochen wurde.

Rotblat war ein Mann, der die Bombe von innen kannte und sie trotzdem ablehnte. Ein Mann, der das Manhattan Project verließ, als er erkannte, dass die Bombe nicht mehr Hitler galt, sondern der Welt selbst. Ein Mann, der später den Friedensnobelpreis erhielt, weil er verstand, dass die einzige sichere Atomwaffe diejenige ist, die nicht existiert.[1]

Ein notwendiger Gedanke: Krieg als Macht, nicht als Moral

Ein Leser brachte einen Punkt ein, der nicht ignoriert werden darf. Er erinnerte daran, dass Krieg nicht automatisch ein moralischer Spiegel ist, der verborgene Ungerechtigkeiten sichtbar macht.

Viele Kriege entstehen nicht, weil es ungelöste Probleme gab — sondern weil jemand mehr wollte.

Krieg ist nicht nur Reaktion, sondern oft Aktion: Machtausweitung, territoriale Expansion, Zugriff auf Ressourcen, das uralte Muster, sich zu nehmen, was man haben will. Manche Kriege decken Ungerechtigkeit auf — aber viele sind selbst die Ungerechtigkeit.

Und genau hier beginnt die moralische Last der Atommacht: Was bedeutet es, wenn ein Werkzeug der Eroberung plötzlich ein Werkzeug der Auslöschung wird?


Die Erfindung der Atommacht

2. Der Ursprung der nuklearen Moral: Hiroshima und Nagasaki

Die Geschichte der Atomwaffen beginnt nicht mit Verträgen, sondern mit 2 Städten, deren Namen für immer mit dem menschlichen Abgrund verbunden bleiben. Hiroshima am 6. August 1945 und Nagasaki 3 Tage später. 2 Explosionen, die innerhalb von Sekunden Zehntausende Menschen töteten und bis zum Jahresende Hunderttausende mehr.

Wenn Hiroshima der erste Abgrund war, dann war Nagasaki der Moment, in dem die Welt verstand, dass der Abgrund kein Unfall war, sondern eine Entscheidung.

Die einzige Nation, die je eine Atombombe eingesetzt hat, bestimmt heute, wer Atommacht sein darf.

3. Der Kalte Krieg und die paradoxe Stabilität der Abschreckung

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Welt in Scherben. Der Kalte Krieg war eine Epoche, in der die Menschheit gleichzeitig am Abgrund stand und sich durch die Logik der gegenseitigen Vernichtung stabilisierte. Abschreckung war kein Triumph, sondern ein Notfallmodus, der nur funktionierte, weil beide Seiten rational genug waren, nicht den letzten Schritt zu gehen — und weil Menschen wie Stanislaw Petrow oder Wassili Arkhipow im richtigen Moment die richtige Entscheidung trafen.

Abschreckung hat funktioniert, aber nur, weil Menschen klüger waren als die Systeme, die sie bedienten.

4. Der Nichtverbreitungsvertrag: Ein Machtkartell, kein moralisches Prinzip

Der Nichtverbreitungsvertrag schützt nicht die Welt, sondern den Status quo. Er definiert 5 Staaten als legitime Atommächte, weil sie vor 1967 getestet haben, und er erklärt alle anderen zu Staaten, die keine Bombe besitzen dürfen. Es ist kein moralisches Konzept, sondern ein Machtkartell, das eingefroren wurde, als die Weltordnung noch von den Siegern des Zweiten Weltkriegs geprägt war.


Das Machtkartell der Bombe

5. Die historische Schuld der offiziellen Atommächte

Die 5 offiziellen Atommächte sind genau jene Staaten, die die größten Schäden angerichtet haben — sei es durch den Einsatz in Japan oder durch jahrzehntelange Tests in Algerien, Polynesien, Australien oder Xinjiang. Die moralische Ordnung ist auf den Kopf gestellt, denn die Staaten, die offiziell Atomwaffen besitzen dürfen, sind genau jene, die sie am rücksichtslosesten getestet haben.

6. Die inoffiziellen Atommächte und die Frage nach der Gefahr

Indien und Pakistan besitzen Atomwaffen, weil sie sich gegenseitig gefährlich finden, nicht weil sie irrational wären. Doch sicherheitspolitisch sind beide Staaten nicht auf derselben Ebene. Indien verfügt über stabile Institutionen, eine konsistente nukleare Doktrin und eine klare Befehlskette. Pakistan ist politisch fragiler, stärker vom Militär geprägt und in Teilen von internen Konflikten beeinflusst, was das Risiko nuklearer Eskalation strukturell erhöht.

Israel besitzt Atomwaffen inoffiziell, aber mit stabiler Kontrolle. Nordkorea hält sie als Überlebensgarantie.

Gefährlich ist nicht, wer die Bombe hat, sondern wer glaubt, sie einsetzen zu müssen.

7. Die Zahl der Atomwaffen und das globale Paradox

Heute existieren rund 12.500 Atomwaffen auf der Welt, 90 % davon in den Händen der USA und Russlands. Schon 100 moderne Sprengköpfe würden reichen, um das Weltklima dauerhaft zu destabilisieren.

Die Menschheit besitzt genug Atomwaffen, um sich mehrfach auszulöschen — und trotzdem reden wir über sie, als wären sie nur geopolitische Spielsteine.

8. Die verlorene Ära der Abrüstung

Es gab eine Zeit, in der Abrüstung real war. Verträge wurden geschlossen, Diplomaten verhandelten, Wissenschaftler mahnten, und die Öffentlichkeit verstand, dass diese Waffen keine Symbole der Stärke sind, sondern der Verwundbarkeit. Diese Zeit ist vorbei. Die Verträge sind zerfallen, die Modernisierung läuft, die Zahl der Akteure steigt, und die Gefahr wächst, während das Bewusstsein sinkt.

Die moralische Last der Entscheidung

9. Die abnehmende Erkenntnis der Gefahr

Die Generation der Zeugen stirbt. Die Friedensbewegung ist leiser geworden und verliert ihre Fürsprecher. Die Popkultur verharmlost die Bombe, weil die Erfahrung fehlt. Die Politik spricht wieder in Kriegssprache, und die Welt richtet ihren Blick auf neue Sorgen.

Die Welt hat die Angst vor einem Krieg verloren, aber die Bomben behalten ihre Gefährlichkeit – eine toxische Kombination, die nicht nur das Risiko erhöht, sondern die Schwelle zur Katastrophe unsichtbar macht.

Wenn die Angst verschwindet, verschwindet auch die Vorsicht. Und wenn die Vorsicht verschwindet, bleibt nur noch die Technik – kalt, bereit, verfügbar. Genau darin liegt die eigentliche Gefahr: nicht im bewussten Entschluss zum Krieg, sondern im Moment, in dem ein Fehler, ein Missverständnis oder ein politischer Reflex genügt, um einen globalen Brand auszulösen.

Wir leben nicht mehr in einer Welt, die Atomwaffen abbaut, sondern in einer Welt, die sie wieder normalisiert. Und Normalisierung ist der gefährlichste Zustand, den es für eine Waffe dieser Art geben kann.

Weiterführende Quellen:

[1] Pugwash Conferences on Science and World Affairs – Die von Joseph Rotblat mitbegründete Organisation, die bis heute Wissenschaftler, Diplomaten und politische Entscheidungsträger zu Fragen von Abrüstung und internationaler Sicherheit zusammenbringt.
https://pugwash.org
 ↩︎

[2] International Campaign to Abolish Nuclear Weapons (ICAN) – Friedensnobelpreis 2017, eine globale Bewegung für die vollständige Abschaffung von Atomwaffen und Initiatorin des Atomwaffenverbotsvertrags.
https://icanw.org
 ↩︎

[3] Bulletin of the Atomic Scientists – Doomsday Clock, eine der wichtigsten wissenschaftlichen Stimmen zur Bewertung der nuklearen und globalen Risiken unserer Zeit.
https://thebulletin.org/doomsday-clock/
 ↩︎

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